Archiv der Kategorie: 01 Arbeit platzt

wetten statt planen – thinktalk bei new&able

buch-illustration_WSP_SignaturLiebe Leserin, lieber Leser,

Dürrenmatt schreibt in den Physikern: „Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.“

Ich stelle mir vor, er entlieh diese Erkenntnis der Aussage von Einstein: „Wer plant ersetzt den Zufall durch den Irrtum.“

In einem kürzlichen Twitter-Gespräch mit Holger Zimmermann stellte dieser fest: „Der Irrtum ist mir dann lieber, weil sich ein Delta zur Realität ergibt, aus dem ich lernen kann. .“

Ich treffe viele Menschen, die ständig planen, um dann in Streß zu geraten, wenn die Wirklichkeit von ihren geformten Erwartungen abweicht. Nur wenige gehen mit diesem Unterschied gelassen um.

Da meine Kraft aus Ruhe entsteht, denke ich seit Jahren darüber nach, was besser sein könnte, als planend mit der Unsicherheit der Zukunft umzugehen. Wie kann anders ins wertvolle Denken kommen? So kam ich auf die Wette. Zuerst in einer klar ablehnenden Haltung. Meine wissenschaftliche Herangehensweise – schnellstmöglich zu beweisen, dass die Annahme falsch ist –festigte die Idee nur noch. So dass inzwischen ein streitbares Konzept daraus hervorging.

Erstmals präsentierte ich den Gedanken öffentlich auf dem pmCamp in Dornbirn 2014. Die Veranstalter luden mich zur freien Keynote zum Thema „Beyond Project Management“ ein. Dort nannte ich es: „Wetten anstatt zu investieren.“

Einige Monate später – inzwischen teilte ich die Gedanken mit Dagmar Woyde-Koehler – lud sie mich zum thinktalk dazu bei new&able nach Karlsruhe ein. Dieses Format bietet von Beginn an den direkten Austausch mit den Teilnehmern.

Ein sehr spannender Abend, dessen Tonspur wir glücklicherweise mitschnitten. Zuerst diente der daraus transkribierte Text uns selbst, um noch einmal an die Fragen der Teilnehmer aus deren Alltag zu erinnern. Sehr schnell wollten wir den Austausch allen zur Verfügung stellen, die dabei waren. Was im Gedanken mündete, ihn allgemein zugänglich zu machen.

Ein erster Entwurf reizte unsere Phantasie. Wir wollten mehr als nur Buchstaben. Wir wollten auf jeden Fall Raum für die Leserinnen und Leser, eigene Gedanken dazu zu notieren. Um die Hemmschwelle zu senken, in ein gedrucktes Buch einfach hineinzuschreiben, notierten wir handschriftliche Fragen neben dem Text. Dann schlug Franziska Köppe vor, die Fragen mit Sketchnotes,  Comics und Grafiken zu ergänzen.

buch-illustration_WSP_SignaturAlle begeisterten die Beispielskizzen, mit denen sie ihre Idee veranschaulichte. So kam es schlussendlich zu diesem bemerkenswerten Buch. Folgende Aspekte machen es außergewöhnlich:

  • Die Wirklichkeit der Teilnehmer trägt die Inhalte. Anstatt eines schlüssig vorgedacht argumentierten Vortrags, bekommen die Leser  Fragen sowie Beispiele des wahren Lebens und darauf aufbauende Gedanken.
  • Die begleitenden Grafiken stellen Fragen. Üblicherweise unterstreichen Bilder die Argumente der Autoren. In diesem Buch stärken sie die konstruktiv kritischen Blickwinkel der Leser.
  • Es geht um Offenheit & Öffentlichkeit. Für das Format lohnt der voll vierfarbige Druck. Dennoch liegt es im Interesse aller, den Austausch so weit es geht zu verbreiten. Deshalb entschlossen wir uns, das Buch zum Selbstkostenpreis anzubieten.

Wenn Du jetzt angebissen hast, dann kauf das Buch auf amazon oder direkt bei mir.

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Wir wollen denken!
Gebhard

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Sinnkopplung in der Praxis

Liebe Leserinnen und Leser,

in Gesprächen mit meinen Kunden geht es auch immer wieder um die ganz praktische Anwendung von Sinnkopplung. Wer die Unterschiede/ Beziehungen/ Abrenzungen zwischen Sinn, Identität, Sinn stiften und Sinnkopplung verstanden hat, möchte mit Sinnkopplung anfangen zu arbeiten.

  • In welchen Situationen nützt mir mein Wissen um Sinnkopplung?
  • Wie wende ich es an?
  • Was kann ich damit erreichen?

Das sind beispielhafte Fragen, die mir gestellt werden. Für die Arbeit mit Sinnkopplung im Alltag hilft es sehr, sich die Kopplungszustände zu verdeutlichen. Stellen wir uns dazu zwei Menschen vor, die miteinander zu Fuß unterwegs sind und kommen dann zu den unterschiedlichen Zuständen:

  1. Sinngekoppelt:
    Die beiden Menschen gehen Hand in Hand oder gar Arm in Arm. Sie sind sich so nahe, dass sie kaum etwas sagen müssen, wollen Sie die Richtung ändern, über die Straße gehen oder vor einem Schaufenster stehen bleiben. Sie handeln nahezu als Einheit und verstehen sich mit winzigen, von anderen kaum wahrnehmbaren Gesten, kurzen Kommentaren und Blicken. In dieser Verbundenheit nehmen sich gewollt wahr, sind gegenüber den Handlungsimpulsen der/s anderen tolerant und aufmerksam. Sie teilen den Weg, den sie zusammen gehen und empfinden ihn als gemeinsame Strecke, die ohne den anderen deutlich ärmer wäre. Sie wollen zusammen gehen. Sie wollen aufeinander acht geben. Sie wollen mit dem anderen Aufmerksam sein für die gemeinsamen Ziele und respektvoll gegenüber den individuellen Zielen, denen sie im Rahmen ihres Weges begegnen. Sie gehen gerne eine Teilstrecke des Weges für die/ den anderen. Wenn sie sich treffen, um miteinander zu gehen, ist jede/r für sich vorbereitet. Jede/r weiß, wohin sie/er heute gehen, was sie/er erreichen könnte. Jede/r hat mehrere Alternativen im Kopf. Sie nehmen Rücksicht aufeinander und klären schnell, wohin sie gemeinsam gehen wollen. Im Vordergrund steht, den Weg zusammen zu gehen.
    Sinngekoppelt sein heißt: Zusammen arbeiten gibt Energie, macht Freude und sichert die eigene Existenz.
    platzhalter_klein
  1. Nicht gekoppelt:
    Die Menschen gehen nebeneinander her. Ab und zu unterhalten sie sich und weisen sich daraufhin, wenn etwa jemand die Richtung ändern oder die Straße überqueren möchte. Sie achten aufeinander, um den Abstand zu wahren und nicht zusammen zu stoßen. Die Handlungsimpulse der/s anderen werden geprüft und bei Übereinstimmung mit den eigenen Interessen gerne aufgenommen. Man ist zu Kompromissen bereit, wenn auch ein eigener Nutzen daraus absehbar ist. Wenn sie sich treffen, um miteinander zu gehen, wird zuerst geprüft, welchen Weg die/ der andere seit dem letzten Treffen zurückgelegt hat. Es wird abgewägt, welchen Wert die zwischenzeitlichen Handlungen für den jeweils anderen haben. Zusammen zu gehen ist unterhaltsam und angenehm. Geht man getrennte Wege, wird allerdings kein oder kaum ein Verlust wahrgenommen. Jede/r hat für sich klar, warum man zusammen geht. Stimmen diese Bedingungen nicht mehr, kann man sich auch trennen.
    Nicht gekoppelt sein heißt: Zusammen arbeiten KANN Energie geben, Freude machen und die Existenz sichern.
    platzhalter_klein
  2. Sinnentkoppelt:
    Die Menschen gehen sich aktiv aus dem Weg. Wenn sie sich begegnen wird gewollt gegeneinander agiert. Hinweise dienen dazu, die/ den anderen in eine Sackgasse oder ein Problem zu lenken. Sie achten darauf, dass die/ der andere schlechter abschneidet. Man versucht im eigenen Handeln vom anderen zu profitieren. Es sind keine Kompromisse möglich. Fehler der/s anderen werden gezielt gegen sie/ ihn genutzt. Wenn sie sich treffen und miteinander gehen müssen, behindert und boykottiert man den Weg der/s anderen im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Es wird überlegt, mit welchen Handlungen man der/m anderen schaden kann. Zusammen gehen ist anstrengend und belastend. Geht man getrennte Wege, fühlt man sich erleichtert und guter Dinge. Jede/r ist sich bewusst darüber, warum man nicht zusammen geht. Lässt es sich nicht vermeiden, benötigt man zumeist Dritte (Mediatoren, Anwälte, Richter etc.), die die Dinge für einen klären.
    Entkoppelt sein heißt: Zusammen arbeiten kostet Energie, deprimiert und kostet auf Dauer die eigene Existenz.  

Wir alle prüfen ständig unsere Beziehungen und unser gemeinsames Handeln mit anderen Menschen auf Sinnkopplung. Das passiert unbewusst. In einer funktionierenden, wohltuenden sozialen Beziehung schalten wir dabei unmerklich und häufig zwischen Zustand 1 und Zustand 2 um. Mal sind wir wirklich innig verbunden und schon im nächsten Moment laufen wir einfach nebeneinander her, bis es zum nächsten sinnhaften Energieschluss. In einer gestörten, krankmachenden Beziehung gehen wir in Zustand 3 über. Sinnhafte Energieschlüsse finden dann nicht mehr statt.

Sinn ist ein derart komplexes und umfassend individuelles Thema, dass wir selbst vermutlich kaum verstehen, warum wir koppeln, nicht koppeln oder entkoppeln. Hilfreich ist es zunächst einmal, die eigene Zustandsveränderung wahrzunehmen und daraus Konsequenzen abzuleiten. Mir begegnen viele Menschen,  die dauerhaft nicht gekoppelt oder sogar entkoppelt haben. In ihren Beziehungen – wenn ich ihnen begegne zumeist in der Arbeit – verbrauchen sie ständig Energie und kommen doch auf keinen grünen Zweig. Sie verlieren ihre Existenz auf Raten. Dabei sind die einzelnen Verluste so gering, dass das Ausmaß des Schadens oft erst erkannt wird, wenn es zu spät ist.

Den eigenen Sinnkopplungszustand im Bezug auf seine Umgebung wahrzunehmen, zu beachten und Konsequenzen aus der Wahrnehmung zu ziehen ist einfacher, als viele annehmen. Man muss beispielsweise nicht gleich kündigen, wenn man eine dauerhafte Nichtkopplung oder gar Entkopplung erkennt. Sinnkopplung hat sehr viel mit den Beziehungen zu tun, in denen man arbeitet. So kann man sich beispielsweise auf eine andere Stelle bewerben oder Teile der heutigen Aufgaben abgeben und andere Aufgaben mit anderen Ansprechpartnern annehmen. Häufig sind das erste gute und meistens auch gangbare Schritte, hin zu einem sinngekoppelteren Arbeiten.

Den Sinnkopplungszustand der anderen zu erkennen ist – im Arbeitsumfeld – oftmals recht einfach. Schwierig sind hier zumeist zwei Dinge:

  1. Die/ den anderen in seinem Kopplungszustand zu respektieren sowie zu tolerieren und
  2. die Konsequenzen daraus zu ziehen und/ oder das Thema anzusprechen.

Es braucht

  • eine bewusste Streit- und Kommunikationskultur, damit eine Firma mit den Konsequenzen, vor allem aus der Entkopplung umgehen kann.
  • ein konsequent gelebtes Bekenntnis zu Solidarität und Unterstützung gerade für Menschen, die entkoppeln und damit ihren sozialen und emotionalen Halt im Unternehmen verlieren.
  • konstruktive und verletzungsarme Wege, wie man auseinander geht, wenn sich Entkopplung einstellt.
  • ein permanentes Streben und ständige Achtsamkeit auf Momente und Chancen, in denen aus nicht gekoppelt sein Kopplung wird/ werden kann.
  • die kritische Selbstreflexion und Realitätsprüfung wenn ein/e KollegIn entkoppelt. So wird Entkopplung zu einer Ressource für alle.

Wir wollen denken!
Gebhard Borck

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Skizze zu einer besseren Gesellschaft von Heinrich Hattebier

Hallo liebe Leserinnen und Leser,

heute hat mir mein Kunde Heinrich Hattebier nach einem Beratungstermin folgenden Text gesendet. Er weißt daraufhin, dass es sich um eine Skizze handelt, da er den Text weder inhaltlich noch sprachlich ausgefeilt hat.

Mir gefiel schon die Skizze sehr gut:

Skizze zu einer besseren Gesellschaft

Die Gesellschaft besinnt sich endlich auf den größten Schatz, den sie nutzen kann: die jungen Menschen und deren Entwicklung. Experten und Nicht-Experten entwickeln zu gleichen Teilen die neuen Bildungsinhalte: z. B. Individualität, Kommunikation, Solidarität. Die neuen jungen Menschen finden mehr Glück im Gruppenerlebnis, Naturerlebnis, Selbsterlebnis. Sie können besser Beziehungen leben, eigene Ziele verfolgen und werden viel weniger kriminell. Die Erwachsenen entwickeln die Kulturgesellschaft, in der sie Technologie, Transport, Sport, Gesundheit, Freizeit, Sozialbereich, Musik, Theater, Landschaft, Familie miteinander verbinden, so dass alle beteiligt sind – alle erhalten ein bedingungsloses Grundeinkommen von zum Beispiel 750 Euro im Monat und entscheiden frei, ob sie damit ihre Ausbildung finanzieren, oder sich Zeit für Kinder und Angehörige nehmen, einen wenig einträglichen Beruf in Handwerk oder Musik damit stützen oder es dann als Sockelbetrag im Alter verwenden. Es gibt nur noch eine Steuer: die auf den Konsum. Alle Waren und Dienstleistungen werden mit z. B. 25 % Steuer belegt, ohne Ausnahmen und Schlupflöcher. Es wird ein großes ökonomisches Abenteuer: alles gerät aus den Fugen und fügt sich neu. Arme kompensieren die höheren Kosten für Essen und Wohnen mit dem Grundeinkommen, Reiche zahlen fünf- bis sechsstellig Steuern für Autokauf und Mietshausbau – und können die nicht mehr übers Geschäft absetzen – und gründen Stiftungen, um jeden Monat die 750 Euro, die sie nicht benötigen, in Kultur und Wissenschaft zu stecken. Die riesige Sozialbürokratie, die meisten Finanzämter, Steuerberater, Elterngeld für den Mittelstand, BAföG und vieles andere wird man nicht mehr brauchen. Es entwickelt sich eine bessere Gesellschaft, die materiellen Reichtum, Egoismus, Geltungssucht zunehmend überwindet und unzählige sorgenarme Individuen hervorbringt, die eine neue Kultur der sozialen Wärme, der kreativen Vielfalt und – nicht zuletzt – der ökonomischen Freiheit verwirklichen.

Dresden 08. März 2010

Ich bedanke mich bei Heinrich Hattebier, dass ich seine Gedanken hier veröffentlichen kann. Bitte reduziert den Text nicht auf seine Fakten und erkennt die Sehnsucht, die sich darin findet. Es ist die Skizze/ das Gefühl einer Gesellschaft, für die ich Affenmärchen geschrieben habe, die ich meinen Kindern, meiner Familie, meinen Freunden und überhaupt allen wünsche.

Ökonomische Freiheit beginnt dort, wo Menschen nein zu den sie führen wollenden Ökonomen sagen können.

Im eigentlichen Leben ist Heinrich Innenarchitekt mit eigener Tischlerei. Er fertigt aus Massivhölzern Möbel nach Maß und freut sich, die Kombination Design und Erstellung unter einem Dach zu vereinen.
Heinrich ist ein lebenserfahrener und gelassener Handwerker mit Studium und einem sympathisch ruhigen Humor.
Wenn also jemand auf der Suche nach individuellen Möbeln ist, diesen Menschen möchte ich gerne auch fachlich 😉 empfehlen: www.hattebier.com

Beste Grüße
Gebhard Borck

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Sinn vs. Profit – Kooperation vs. Rangkämpfe [2]

Die einzelnen Charakteristika können dabei unterschiedlich stark ausgeprägt sein und doch lassen sich fast alle Unternehmen in ihrem sozialen Zusammenleben mit diesen Eigenschaften beschreiben. Die Aufstellung kommt aus dem bereits erwähnten Buch von Uwe Renald Müller und leitet sich von den Untersuchungen Erich Fromms über Gesellschaften ab.
Fromm benennt die beschriebene Gesellschaftsform als Systemtyp B – aggressiv nicht-destruktiv. Diese Beschreibung von Fromm ist angesichts der täglichen Zeitungsmeldungen von der steigenden Zahl an Depressiven, der Selbstmorde nach Finanzmarkteinbrüchen und unseres selbstzerstörerischen ökologischen Fußabdrucks eher Schönfärberei denn Wahrheit. Dennoch: Ganz ohne es zu hinterfragen, nehmen wir diese Gesellschaftsform für Firmen als natürlich gegeben hin und bewegen uns mit unseren Vorstellungen und Ideen, uns zu organisieren, innerhalb ihrer Grenzen. Dabei ist sie gar nicht der einzige erkannte Systemtyp. Da gibt es noch den Typ C – aggressiv und destruktiv, den wir auch als totalitäres Regime kennen und der leider oftmals noch treffender die Zustände in Unternehmen beschreibt. Grenzt sich Systemtyp B verbal stark von C ab, beruhen beide nach wie vor auf dem Grundsatz der Aggressivität und ich unterscheide sie in gesund wirtschaften (B) und krank wirtschaften (C), dazu mehr in den weiteren Kapiteln. Neben B und C gibt es noch Systemtyp A – kooperativ und lebensbejahend. Er ist eher die Ausnahme in der Unternehmenswelt und dennoch genau die Art von Organisation, um die es in diesem Buch geht. Ich nenne dieses Verhalten sinnhaft Wirtschaften und es geht um folgenden Firmen-Archetyp:

  • Allgemein – systemisch, kooperativ, human
  • Leitfigur – partnerschaftlich, sozial
  • Ziel und Zweck – Existenzerhalt der Gesellschaft und ihrer Mitarbeiter; monetäre Ziele sind Mittel zum Zweck des Systemerhalts
  • Regeln – Prinzipien statt Regeln; Solidarität bezüglich des Ziels und des Zwecks der Gesellschaft; Achtung der Menschenrechte; Einsicht in die Natur des Menschen; systemübergreifende Nachhaltigkeit
  • Strafen – Bei Verstoß gegen Werte wie Solidarität, Loyalität, Menschlichkeit und bei Schädigung des übergeordneten Ökosystems
  • Konkurrenten/ Feinde – Duale Sichtweise, sowohl Partner als auch Konkurrent (in einem fairen Wettbewerb)
  • Riten/ Symbole – Dienen der Stabilität von sozialen Vernetzungen; schwach ausgeprägt; ständigen Veränderungen unterworfen; nur mit temporärer Gültigkeit
  • Bindungsmechanismus – Kopplung durch gemeinsame Sinnerfüllung, sowohl der Gesellschaft wie auch des persönlichen Sinns. Damit zusammen hängend die Entkopplung der monetären oder materiellen Abhängigkeit vom System (Entlassung der Mitarbeiter in eine selbstgewählte, freiwillige Mitarbeit).
  • Slogan – »Arbeit ist Spiel«

So seltsam es klingt – es handelt sich dabei nicht um eine romantische Wirtschaftsutopie. Stattdessen ist es ein bekanntes, existenzfähiges sozial-gesellschaftliches System, das etwa den Jahrhunderte andauernden Erfolg der Hanse begründet hat, über den Sie später im Buch noch mehr lesen werden. Es geht also nicht um die süßen Träume eines verkappten Sozialisten. Vielmehr ist es eine echte Alternative und realistische Chance für uns, die Probleme der Arbeitswelt des zwanzigsten Jahrhunderts zu überwinden und im einundzwanzigsten Jahrhundert unsere Wirtschaft so zu organisieren, dass auch unsere Kinder Wohlstand als Wort und gelebte Wirklichkeit kennen.

Gehen Sie mit auf die Reise in die schöne neue Welt, die im Unterschied zu den meisten gültigen Glaubenssätzen Zufriedenheit, Erfüllung und Leistung spielerisch verwirklicht. Wir brauchen uns nicht die Köpfe einzuschlagen, um die Herausforderungen zu meistern, die wir uns größtenteils selbst eingebrockt haben. Unsere Groß- und Urgroßeltern haben sich vor einhundert Jahren vorgenommen, dass wir, ihre Kinder und Kindeskinder, in einer freien demokratischen Ordnung ohne Krieg und grausamster Armut leben werden. Dafür haben sie Dinge verändert und heute leben wir in Wohlstand und Fortschritt, als ob es nie etwas anderes gegeben hätte. Wir können das für unsere Kinder erhalten, indem wir schelmisch über unsere eigenen Schatten springen. Nehmen Sie Anlauf und freuen sich mit mir auf den Flug.

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Sinn vs. Profit – Kooperation vs. Rangkämpfe [1]

Jeder von uns ist ein Arbeits-Statist, eine seelenlose Nummer in den Zahlenfriedhöfen des Statistischen Bundesamtes. Die Unternehmen koordinieren diese Statisten und fordern Höchstleistungen von ihnen. Dabei haben sie das ruhende Potenzial zwar erkannt, nach wie vor gelingt es allerdings nur mittelmäßig, dieses Potenzial auch als Leistung abzurufen. Der Grund ist vor allem im Mechanismus zu finden, den Unternehmen benutzen, um uns Statisten an sich zu binden. Abhängigkeit, Bedrohung, Belohnung und Bestrafung sowie Gängelung – vor allem Angst wird genutzt, um Menschen aufstehen und zur Arbeit gehen zu lassen. Es ist allerdings eine denkbar schlechte Vorgehensweise, um intelligente Leistung im Sinne eines größeren Ganzen zu bekommen.

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt! Seit mehreren Jahrzehnten wird der bittere Grundmechanismus der Arbeit – existenzielle Abhängigkeit – auf Zucker geträufelt. Unternehmensleitbilder, Incentives, Fach- und Kompetenzkarriere, Unternehmenswerte, leistungsabhängige Einkommensanteile und dergleichen mehr nennt man das dann. Sozusagen als Best-Practice vom Erfolg der Schluckimpfung auf die Arbeitswelt übertragen.
Das alles bleibt allerdings im konservativen Verständnis von Arbeit verhaftet. Und so bleibt auch das Ergebnis der Arbeit selbst weit hinter ihrem Potenzial zurück. Will man menschliche Leistung, Intelligenz im Sinne eines gemeinsamen Unternehmens und wirkliche Synergie, dann können Werte, Identität und Sinn nicht vorgeschrieben sein. Sie können bei diesem Anspruch nicht eingefordert werden. Was den Unternehmen bleibt sind Angebote, die aus freien Stücken angenommen werden, weil die Menschen annehmen wollen. Alles andere ist Zwang und steht einer Sinnkopplung im Weg.

Bereits bei der Gründung einer Firma können für eine erfüllende Arbeit die richtigen Weichen gestellt werden. Wenn Sie ein Unternehmen beim Gewerbeamt anmelden, werden Sie nach zwei Dingen gefragt: Dem Zweck und der Gesellschaftsform ihres Unternehmens. Der Zweck beschreibt ihren Handlungsraum, ein Handelsgewerbe darf nicht automatisch etwas produzieren und eine Softwarefirma darf nicht automatisch Autos verkaufen. Die Gesellschaftsform beschreibt vornehmlich juristische Inhalte wie Haftungsrisiken, Abhängigkeit der Geschäftsführer im Innen- und Außenverhältnis und anderes mehr. Das heißt: Bereits heute gibt es keine Gesellschaft, kein Unternehmen ohne Zweck und Form, womit die Grundvoraussetzungen für ein Sinnangebot sogar gesetzlich verankert sind!

Viele nehmen an, das Ideal, ein tolerantes, kooperatives und lebensbejahendes Unternehmen, das seinen Menschen die Möglichkeit gibt, in ihrer eingebrachten Leistung den persönlichen Sinn zu erfüllen, sei Wirklichkeit. So würden sie sogar unsere Gesellschaft beschreiben. Stimmt das? Wie werden Firmen normalerweise umgesetzt? Welche Grundprinzipien werden für sie angenommen? Hier schematisch ein gängiges Unternehmen:

  • Allgemein – Hierarchisch geordnet, Rivalität zwischen den Angestellten mit Rangkämpfen, mechanische Abläufe
  • Leitfigur – von autoritär bis autokratisch
  • Ziel und Zweck – Vorwiegend monetär orientierte Ziele; Existenzsicherung des Systems ist ein sekundäres Ziel; Im Extremfall wird der monetäre Erfolg zum Machtgewinn und zur -erhaltung gebraucht.
  • Regeln – Kollektivistische Regeln, Gehorsam gegenüber den Anweisungen der Hierarchie
  • Strafen – Bei Verweigerung der Systemkonformität subtile psychische Aggression (Mobbing), Isolation (Wegbefördern) oder Systemausschluss (Kündigung)
  • Konkurrenten/ Feinde – Jeder, der nicht Teil oder Partner des System ist
  • Riten/ Symbole – Gehorsamsgesten (freiwillige (Pflicht-)Teilnahme an der alljährlichen Betriebsweihnachtsfeier), Unterwerfungsriten (Arbeitsvertrag), manipulatorische Elemente (jährliche Leistungsbeurteilung)
  • Bindungsmechanismus – materielle Abhängigkeit, zuerst über das Gehalt, darüber hinaus über Vergünstigungen wie Firmenhandy, -wagen, -kredite, Boniregelungen bei Akkord oder Zielvereinbarungen
  • Slogan – »Leben ist Arbeit«

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Wenn es zum weinen nicht mehr reicht, einfach mal lachen! [2]

In vielerlei Hinsicht befinden wir uns in der Phase der Selbstverleugnung. Führende deutsche Politiker sind etwa der Meinung, wenn nicht alle bei der Reduktion des Kohlendioxydausstoßes mitmachen, dann macht Deutschland auch nicht mehr damit weiter. Als ob es diese Alternative gäbe und der Klimawandel vor den Grenzen Deutschlands halt machte. Die deutschen Autokonzerne feilschen um die Messung der Ausstoßmenge ihrer viel zu großen Fahrzeuge und führen ihr Produktportfolio ins Feld, als ob sich die schmelzende Eiskruste in der Antarktis von derartigen produktionsspezifischen Feinheiten beeindrucken ließe. Doch wir brauchen nicht auf die Großen zu schauen. Laut der Gallup-Umfrage von 2010 gehen knapp neunzig Prozent der deutschen Erwerbstätigen zu einer Arbeit, von der sie emotional entkoppelt sind und die sie nicht erfüllt. Sie gehen da zum Broterwerb hin, weil Beschäftigung eben sein muss. Die Massenproduktionsmaschine läuft und läuft und läuft. Sie hat im letzten Jahrhundert viel Energie aufgenommen und die Katastrophen erscheinen unausweichlich.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, doch ich komme ins Grübeln, wenn mir mein vierjähriger Sohn erklärt, dass er einen Ferrari fahren wird, wenn er groß ist. Ich überlege mir dann erstens, ob es in vierzehn Jahren noch bezahlbares Benzin geben wird und zweitens, ob es Sinn macht, dass mein Sohn ausgerechnet einen Ferrari fahren möchte? Wird der Erfolg unserer Arbeit mit Luxusautos, Segeljachten und Villen definiert? Ist unser Wohlstand in Massen-Billig-Wegwerf-Konsum zu vermessen? Kann es der Sinn von Broterwerb sein, immer schneller immer mehr von dem herzustellen, was uns sicher aus der Kurve fliegen lässt?

An dieser Stelle kommt stereotyp der Ruf nach den Formeleins Piloten, nach den Profis, den Experten, denen, die den Extremzustand in der Kurve noch beherrschen. Für unsere energiegeladene Masse, gibt es das nicht. Wir brauchen keinen Experten, der die Katastrophe scheinbar beherrscht. Bei genauem Hinschauen wird schnell klar, die Formeleins Piloten agieren in einem geschlossenen System. Da taucht nicht plötzlich ein Lastwagen auf oder ein Fahrradfahrer oder ein bunter Ball dotzt über die Rennstrecke und ein Kind läuft hinterher. Was wir brauchen sind Alternativen zu den Katastrophen. Doch wie kann eine solche für die Arbeitswelt aussehen?
Es gibt eine andere Art und Weise zusammen zu arbeiten. Es gibt die Frage nach dem Sinn, die sich an jeden von uns richtet. Es gibt die Sehnsucht nach Erfülltsein, die wir alle in uns tragen. Und es gibt die Technologien, die Erkenntnisse und die Nachweise: Ein Richtungswechsel ist mehr als nötig und vor allem möglich. Ich bin überzeugt: Das Zerfallen der stillen Übereinkünfte, die Tatsache, dass Menschen nicht funktionieren, die Automatisierung, unsere Vorstellungs- und Schaffenskraft oder eben unsere Menschlichkeit geben uns die Sicherheit, dass es Zeit für einen Richtungswechsel ist. Die Ausprägung der Arbeit, wie wir sie seit über fünfzig Jahren spezialisieren und seit mehr als hundert Jahren kennen, sowohl als Konzept wie auch in der Umsetzung, zerplatzt als Seifenblase vor unseren Augen. Ob es uns nun gefällt oder nicht. Zugleich kommen wir nicht darum herum zu arbeiten. Wir drücken unsere Beziehung zu uns und zu unserer Umwelt durch die gestaltende, uns erfüllende Umsetzung unserer Vorstellungen aus. Das macht uns zu Menschen. So gesehen ist die Industriegesellschaft selbst Ausdruck echter menschlicher Arbeit. Wir haben sie erdacht, geschaffen und ihr beständige, wenn auch zum Großteil künstliche, Strukturen verliehen. Ihre Konsequenzen freilich sind selbstzerstörerisch. Wie also kratzen wir die Kurve?

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Wenn es zum weinen nicht mehr reicht, einfach mal lachen! [1]

Sind Sie schon einmal mit einem Boot unterwegs gewesen, einem Lastwagen, einem Auto, einem Motorrad, einem Fahrrad oder auf Inlinern? Haben Sie dabei schon einmal so richtig Fahrt aufgenommen? Hatten Sie die Masse in Schwung versetzt? Und wollten dann spontan die Richtung ändern?

Ist gar nicht so einfach eine Masse zu kontrollieren, die über ein gewisses Maß hinaus mit Energie aufgeladen ist. Man sollte vorbereitet sein auf das Überraschende, wie etwa den unaufmerksamen anderen Verkehrsteilnehmer. Will man größere Schäden vermeiden, kann man nicht stur einem vorgefassten Plan folgen, wie etwa von A nach B kommen zu wollen. In jedem Moment ist die Situation neu zu erfassen, abzuwägen und mit Fingerspitzengefühl nachzujustieren, bevor es aus dem Ruder läuft.
Doch was bleibt einem, wenn man den Zeitpunkt verpasst, an dem die Kontrolle verloren geht? Wenn man nicht gemerkt hat, dass die Geschwindigkeit zu hoch ist für die nächste Kurve? Wenn die Masse aus ihrer Energie heraus ein Eigenleben entwickelt? Was passiert dann? Antwort: Eine Katastrophe!
Vor der Katastrophe gibt es noch ein paar Momente der Selbstverleugnung, der Ablehnung, dass man die Kontrolle verloren haben könnte. Spätestens im Scheitel der Kurve lösen sich diese in Wohlgefallen auf und man kann nur noch auf seine Intuition und Reflexe hoffen.
So zumindest geht es dem engagierten Laien. Bei einem Formeleins Piloten sieht das ganz anders aus. Der versucht in jeder Kurve genau an dieses Limit, an die Grenze der Kontrolle zu kommen. Seine Profession ist es, diesen Moment zu beherrschen. Führt man sich das vor Augen, kann man respektvoll den Hut ziehen, wie wenig Unfälle da passieren, legt es doch jeder Fahrer im Feld in jeder Kurve genau darauf an, die Katastrophe gerade noch so zu vermeiden.

Es passieren nicht mehr schreckliche Unfälle in der Formeleins, weil die Fahrer ihren Job ernst nehmen, vorbereitet sind und mit jeder Situation neuerlich, aufmerksam und mit Fingerspitzengefühl umgehen. Sie machen also das genaue Gegenteil von dem, was die weite Mehrheit der Arbeitswelt tut. In der Organisationswelt finden wir hinsichtlich der Achtsamkeit das Gegenstück zum Formeleinspiloten in den „High Reliability Organizsations“. Augenblicklich ist der Rest der Welt eine effiziente Massenproduktionsmaschine. Das ist die große Leistung des zwanzigsten Jahrhunderts. Diese Maschine hat Fahrt auf genommen und Massen in Bewegung gesetzt, im wahrsten Sinne des Wortes und in unfassbarer Durchgängigkeit. Schauen wir an, welchen Schund sie so vor sich hin produziert – Tamagotchis, Bauer sucht Frau, Sports-Utility-Vehicles oder den Weihnachts-, Ostern-, Valentins-, Faschings-, Halloween-, Olympia-, WM-Wegwerfgeschenkealtptraum – ist es schon verwunderlich, dass sich die großen Katastrophen nur am Horizont abzeichnen und nicht schon längst da sind.

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Wenn alle Arbeit haben ist alles gut [2]

Eine spannende These – gehen die brauchbaren Zahlen des Statistischen Bundesamtes doch, wie vorhin schon erwähnt, bis an die Anfänge der achtziger Jahre, genauer in das schöne Jahr Einundachtzig zurück, als die Welt noch in Ordnung war. Aber was sagen die Zahlen genau? Zuerst einmal beschreiben sie das Verhältnis zwischen den Erwerbspersonengruppen. Es waren damals nicht einmal vier Prozent Erwerbslose, also über sechsundneunzig Prozent Erwerbstätige – Vollbeschäftigung! Doch was sagen die Gesamtzahlen aus? Ob Sie es glauben oder nicht: Im Jahr Einundachtzig waren es siebenundfünfzig Prozent der Menschen im Bundesgebiet, die grundsätzlich keinem Erwerb nachgingen oder gerade einen suchten und deshalb keinen hatten. Also unter Vollbeschäftigung haben wir in Wahrheit mehr Menschen mit durchgeschleppt als heute. Schaut man sich die Zahlen über die Jahre hinweg an, stellt man fest: Die Quote derer, die gerade keinem Erwerb nachgehen, liegt immer zwischen vierundfünfzig und siebenundfünfzig Prozent der Menschen, die ihren Wohnsitz im Bundesgebiet haben.

Trotzdem werden Erwerbslose, Rentner, Hausfrauen, Halbstarke oder irgendwelche Menschen, die keinem Erwerb nachgehen, als Drückeberger, Last oder – noch schwerwiegender – Parasiten und Schmarotzer hingestellt. Dabei sind zwei Dinge zu beachten: Erstens in den letzten dreißig Jahren war das Verhältnis dieser Menschen zur Gesamtbevölkerung in Deutschland immer annähernd gleich, in wirtschaftlich guten Zeiten sogar eher etwas höher als in wirtschaftlich schlechten. Und zweitens, was noch viel wichtiger ist: Die weite Mehrheit dieser Menschen macht sinnvolle Arbeit. Sie erziehen Kinder, betreuen Eltern, bilden sich aus, halten ihren Ehepartnern den Rücken frei, sind ehrenamtlich tätig, helfen in Tafeln oder erklären ihren Schulkameraden Mathe. Sie sind nicht einfach nur beschäftigt, abhängig oder unabhängig, sie gehen wahrscheinlich einer erfüllenden und sinnvollen Arbeit nach.

Doch schauen wir ohne Ironie darauf, was sich seit Anfang der achtziger Jahre im Bezug auf Beschäftigung verändert hat. Im Verhältnis ist es offensichtlich nicht die Anzahl der Menschen, die von den Erwerbstätigen mit durchgefüttert werden. Stattdessen ist es wohl der Anspruch an die Erwerbstätigkeit selbst, der sich verändert hat. Eine These: Den Erwerbstätigen geht es gegen den Strich, dass sie die Maloche machen müssen, während eine beträchtliche Anzahl von Menschen Sinnvolleres mit ihrer Zeit anfängt. Augenscheinlich zu Lasten der überarbeiteten Erwerbstätigen. Oder anders gesagt: Papa hat die Schnauze voll davon, dass die Halbstarken und frühreifen Gören das schwer verdiente Geld in Konsum-Schnickschnack wie immer neuen Handymodellen, SMS-Orgien, Computerspielen oder mp3-Playern zum Fenster raus werfen.

Die Studie von Dr. Andreas Knabe aus dem Jahr 2009 „Dissatisfied with life, but having a good day“  zeigt Indizien für die Richtigkeit meiner These. Sie kommt zum Ergebnis: Angestellte sind zwar mit ihrem Leben als Ganzes zufriedner als Arbeitslose, unterteilt man allerdings den Arbeitstag in Arbeits- und Freizeitblöcke, zeigt sich: Die Angestellten sind während der Arbeit am unzufriedensten. Diese Unzufriedenheit gleichen sie dann durch eine höhere Zufriedenheit in der Freizeit wieder aus. Sprich, die Zeit des Arbeitens ist nicht zufriedenstellend und so wird es sicherlich die eine oder den anderen aufregen, wenn Menschen das Geld ausgeben, beziehungsweise von dem Geld leben, das man in dieser Unzufriedenheit verdient, während man selbst keiner befriedigenden Erwerbsarbeit nachgeht. Bitte beachten: In meiner These spreche ich nicht vom Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitslosen, wie Herr Knabe, ich spreche vom Verhältnis zwischen Erwerbspersonen und Nichterwerbspersonen.

Nehmen wir also an, die These stimmt, dann kann der Ruf nach Vollbeschäftigung doch nur ein geschmackloser Gag in einer Late-Night-Show sein und kein ernsthaftes Ansinnen seriöser intelligenter Menschen wie Politiker, Unternehmer- oder auch Gewerkschafts- und Verbandsvertreter und was es noch so alles gibt. Es kann doch nicht darum gehen, noch einmal drei Millionen Menschen in unglücklich machende Erwerbsverhältnisse zu bringen, die dann nur noch zweiundfünfzig Prozent Mitmenschen durchfüttern. Wenn es um etwas geht, dann darum, die inhaltliche Qualität der Beschäftigung zu verbessern oder wie ich es ausdrücke, statt Beschäftigung, statt Maloche erfüllte sinnvolle Arbeit anzubieten und zu ermöglichen. Menschen, die sich mit ihrer Arbeit erfüllen, die in ihrem Tun einen Sinn finden, diese Menschen kümmern sich nicht darum, wie viele sie mit durchfüttern. Sie beschweren sich nicht immerwährend über die Höhe ihres Salärs und sie hacken nicht auf irgendwelchen gebrochenen Existenzen herum, weil diese keinen Weg mehr zurück in die Gesellschaft finden. Stattdessen sind sinngekoppelte Menschen zufrieden, häufig mit einer positiven Grundeinstellung zum Leben ausgestattet und freuen sich auf den nächsten Tag, genau so wie sie den aktuellen gerne erleben.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter 01 Arbeit platzt, Wenn alle Arbeit haben, ist alles gut

Wenn alle Arbeit haben, ist alles gut [1]

Kennen Sie noch Norbert Blüm? Er ist für den Satz bekannt „Die Rente ist sicher!“ Dieser Satz hat ihm zweifelsfrei mehr Berühmtheit eingebracht als alle Jahrzehnte seines politischen Schaffens davor. Schon als er ihn voll Inbrunst aussprach, erkannten wir alle den Witz, der in ihm wohnte. Lassen Sie mich an dieser Stelle also ein wenig ironisch werden.

In Deutschland bekommt man die Rente im Rahmen eines Solidarausgleichs. Das bedeutet: Den Rentenversicherungsbeitrag, den die Solidargemeinschaft am ersten Februar bezahlt, erhalten die Pensionäre am Fünfzehnten desselben Monats als Rente überwiesen. Niemand spart für die Rente!

Laut dem Rentenversicherungsbericht 2009 kommen derzeit auf jeden Beitragszahler 0,55 Rentner, also etwas weniger als zwei rentenversichert Beschäftigte bezahlen einen Rentner. Liest man den Bericht weiter, werden es im Jahr Zweitausenddreiundzwanzig 0,62 Rentner auf jeden Beitragszahler sein. Sicherlich wussten Sie das schon. Weiß doch seit Norbert Blüm nun wirklich jeder. Und jeder weiß auch: Wir müssen die Arbeitslosenquote senken und dann lösen sich die Rentenprobleme von alleine. Wir brauchen also mehr Beschäftigte, sonst bricht das System unweigerlich zusammen.
Geht das überhaupt? Werden wir überhaupt so viel Arbeitsplätze haben? Ist es realistisch Vollbeschäftigung anzustreben? Antwort: Nein!
Doch gehen wir der Frage von einer anderen Richtung her auf den Grund. Wie ist es denn mit der Vollbeschäftigung gewesen in den letzten 50 Jahren? In der Datenbank des statistischen Bundesamtes findet sich dazu Einiges. Die qualitativ brauchbaren Daten gehen bis in die achtziger Jahre zurück. Doch bevor wir zu den Zahlen kommen können, gibt es noch einen Hinweis und die Klärung von Fachbegriffen.

Hinweis:
Es ist mir bewusst, dass an Statistiken – wie auch denen des Statistischen Bundesamtes – vor allem interessant ist, was sie nicht sagen. So gibt es in den nachfolgend zitierten Statistiken keine Hinweise auf Punkte wie die Schwarzarbeit, RentnerInnen, die noch etwas nebenher verdienen oder Ähnliches. Ich blende diese Unzulänglichkeiten der Statistik aus, um einen Irrwitz aufzudecken, der in der Statistik sehr wohl sichtbar und dennoch weithin unbemerkt ist.

Der Unterschied zwischen Erwerbspersonen und Nichterwerbspersonen:

Das Statistische Bundesamt definiert Erwerbspersonen wie folgt: „Erwerbspersonen sind Menschen, die im Bundesgebiet wohnen und eine auf Erwerb – auf Einkommen – ausgerichtete Tätigkeit ausüben oder suchen, also Selbständige, mithelfende Familienangehörige und abhängig Beschäftigte.“ Die Erwerbspersonen ergeben sich aus der Summe der Erwerbstätigen und der Erwerbslosen.
Nichterwerbspersonen sind demgegenüber nicht, wie zu vermuten wäre, die Arbeitslosen, das sind ja die erwerbslosen Erwerbspersonen. Nein, es sind Menschen, die keine auf Erwerb gerichtete Tätigkeit ausüben oder suchen. Also: Rentner, Hausfrauen und – wie es beim Statistischen Bundesamt definiert wird – alle Personen unter fünfzehn zählen grundsätzlich zu den Nichterwerbspersonen.

Nach dieser Klärung, können wir uns jetzt die Statistiken anschauen und erfahren dort, dass die Arbeitslosenquote nur etwas mit den Erwerbspersonen zu tun hat. Die Erwerbspersonen wiederum sind bis ins Jahr Zweitausendneun Menschen im wunderbaren Alter zwischen fünfzehn und fünfundsechzig Jahren. Alle anderen zählen nicht dazu. Unter diesen knapp einundvierzig Millionen Menschen, sind dann wiederum etwas mehr als drei Millionen Erwerbslose. So kommen wir zu einer Erwerbslosenquote von rund acht Prozent, die wir Erwerbstätigen natürlich mit finanzieren. Zu diesen Erwerbslosen kommen die schon erwähnten Rentner mit ihrer Quote von 0,55 Rentnern pro Beitragszahler, die Hausfrauen, die keine Erwerbstätigkeit suchen, viele behinderte Menschen und natürlich alle Kinder bis zum fünfzehnten Lebensjahr. Summiert man das einmal auf, entdeckt man: Grob achtunddreißig Millionen Erwerbstätige finanzieren rund vierundvierzig Millionen Menschen ohne Erwerb – die Nichterwerbspersonen plus die Erwerbslosen.
Schieben wir einmal beiseite, dass die ungefähr vier bis fünf Millionen beim Staat Beschäftigten ja eigentlich auch von den anderen bezahlt werden und gehen wohlmeinend davon aus, dass wir sie brauchen, um uns zu verwalten, zu koordinieren, zu überwachen unsere Kinder auszubilden und anderes mehr.
Es bleibt die unglaubliche Zahl von vierundfünfzig Prozent Menschen, die keinem Erwerb nachgehen und von uns sechsundvierzig Prozent Beschäftigten mit durchgeschleppt werden. Und da rede einer noch einmal vom Mangel an Solidarität.

Die Quote ist beeindruckend: Auf jeden Menschen, der im Bundesgebiet einem Gelderwerb nachgeht kommt mehr als ein Mensch, der nicht einmal eine Erwerbstätigkeit sucht. Hätten Sie das gedacht?
Na ja, könnte man jetzt sagen, das ist ja auch kein Wunder mit der Krise, dem Wohlstand, dem zunehmenden Drückebergertum, das man aus dem Fernsehen kennt. So ist es eben, das einundzwanzigste Jahrhundert. Da frisst sich der eine auf Kosten des anderen durch und das Ministerium für Arbeit und Soziales klatscht dazu in Bierzelten. Früher, noch vor der Wende, da war es noch anders.

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