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Sinn fordert Unternehmen heraus [2]

Wie können wir Gemein-Wahn vom Gemein-Sinn abgrenzen? Zum Einen anhand der verbleibenden Freiwilligkeit oder der Freiheit zu abweichendem Denken, Reden und Handeln, also der Freiheit, den eigenen dem gemeinsamen Sinn unterzuordnen oder eben nicht. Ganz gleich wie viel Energie in der Gruppe entsteht, die einen gemeinsamen Sinn entwickelt: sobald sie dazu übergeht ihren Sinn gewaltsam – physisch oder psychisch – nach innen oder außen durchzusetzen, ist aus Sinn Wahn geworden.
Die Übergänge sind dabei oft schwer auseinander zu halten – es handelt sich nicht selten um eine Gratwanderung. So kam es im beschriebenen Unternehmen zu Phasen, in denen die Mitarbeiter, wie etwa der zweite Doktorand, enormem emotionalem und psychischem Stress ausgesetzt wurden, um die Illusion der erfolgreichen Technologie aufrecht zu erhalten. Der Zweck heiligt eben nicht immer die Mittel.

Zumindest dann auf gar keinen Fall, wenn dieser Zweck einer Realitätsprüfung, wie bereits im Abschnitt über Werte erwähnt, nicht standhält. Andreas Zeuch beschreibt in seinem Buch Feel it! die Geschichte der Ärzte Robin Warren und Barry Marshall, die wissenschaftlich nachweisen konnten, dass Magengeschwüre bakteriell bedingt sind und mit einer recht simplen Antibiotikatherapie behandelt werden können. Trotz ihrer real prüfbaren Beweise und der Zweckmäßigkeit ihrer Entdeckung hielt die internationale expertokratische Ärzteschaft über Jahrzehnte an ihrem Gemeinsinn (oder vielleicht auch schon -Wahn) fest, wonach Magengeschwüre maßgeblich mit scharfen Speisen, Alkohol und Stress in Zusammenhang stünden. Millionen von Patienten wurden operiert und würden es wohl heute noch, wenn der Gemeinsinn von Marshall und Warren sich nicht ausdauernd und erfolgreich dem inzwischen unrealistischen Gemeinwahn ihrer Kollegen entgegengestellt hätte.

Gemeinsinn, der über die Zeit sowohl die Freiheit anzukoppeln und zu entkoppeln wahrt, als auch einer wiederkehrenden Realitätsprüfung standhält, der also über die Gruppe, die an ihn angekoppelt hat, hinaus gehend sinnvoll ist, nenne ich Gemeinwohl-Sinn. So schützt die Entdeckung von Warren und Marshall nicht davor, dass unverantwortliche Ärzte ihre Therapie bereits bei einfachen Magenverstimmungen anwenden und damit überhaupt nicht sinnvoll handeln. So schnell kann dann aus Gemeinwohl-Sinn gemeine Dummheit werden.

Gemeinwohl-Sinn
Er verbindet das gemeinsame Ankoppeln an einen Gemeinsinn mit einer kritischen Selbstreflexion desselben. Dinge, die vor einhundert Jahren im Rahmen einer Realitätsprüfung vollkommen unbedenklich erschienen, ja sogar als gesellschaftliche Wunder gefeiert wurden, wie etwa die Herstellung und Verbreitung von Autos mit Verbrennungsmotor für Jedermann, sind wenige Jahrzehnte später kaum noch bedenkenlos als sinnvoll und gesamtgesellschaftlich richtig anzusehen.
Externe Effekte aus der Unternehmensverantwortung herauszunehmen, wie es die Betriebswirtschaft lehrt, mag man vor fünfzig Jahren noch akzeptiert haben. Sinn hatte es, geprüft an der Realität, schon damals nicht. Denn trotz allen technologischen und technischen Fortschritts ist die Erde nicht größer oder sauberer geworden, ganz im Gegenteil.
So kann Sinnkopplung im sinnvollen Wirtschaften nicht einfach nur darin bestehen, einen Gemeinsinn zu erreichen, wie es für gesundes Wirtschaften ausreichen würde. Es ist vielmehr der Anspruch an jeden Mitarbeiter und das Unternehmen selbst, nach einem Gemeinwohl-Sinn zu streben.

Umfeld und Sinn
Sinn bleibt beeinflusst durch Werte, Ideologien, Gefühle und Spiritualität der Gruppe selbst und derjenigen, von denen sie umgeben ist. So wird Sinnkopplung in Nordkorea etwas vollkommen Anderes sein, als in Westeuropa oder speziell in Deutschland. Die gesellschaftlich gelebten Werte haben einen nachdrücklichen Einfluss auf das Sinnverständnis, das auch keineswegs von sich aus „positiv“ oder „gut“ sein kann. Noch der ärgste Wahn beansprucht für sich, gut, richtig und positiv zu sein.

Sinn über die Zeit
Zur weiteren Annäherung an den Begriff der Sinnkopplung ist es hilfreich, Sinn unter verschiedenen zeitlichen und räumlichen Aspekten zu betrachten. Stellen wir uns dazu Sinn als kurz-, mittel- und langfristigen Bezugspunkt vor. Dann kann es sein, dass meine Arbeit für mich augenblicklich wahrgenommen überhaupt keinen Sinn hat, weil ich schlicht mit Aufgaben beschäftigt bin, die mich weder interessieren, noch meinen Fähigkeiten oder Fertigkeiten entsprechen. Sie kann dennoch mittelfristig, also innerhalb weniger Stunden, einiger Monate oder Jahre eingeschränkt Sinn haben, weil es niemanden zu interessieren scheint, dass ich der falsche Mensch am falschen Ort bin. Und sie kann langfristig, etwa aufs absehbare Leben bezogen, sogar sehr viel Sinn haben, da ich so zwar inhaltlich unbefriedigt, allerdings komfortabel und ohne großen Aufwand die Existenz meiner geliebten, mich erfüllenden Familie sichere.

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Goldene Nasen sind teuer – für alle!

2010 wurde in Großbritannien erstmals die Studie „a bit rich“ veröffentlicht. Sie untersucht die gesellschaftlichen Auswirkungen von Berufen und stellt eine Relation zwischen dem erzielten Einkommen und den volkswirtschaftlichen Kosten und Risiken her, die die jeweiligen Berufe verursachen. Konkret: Ein Marketingleiter eines Industriebetriebes, nehmen wir einmal einen Schokoladenhersteller, verdient zwischen fünfzigtausend und mehreren hunderttausend britischen Pfund. Er reizt Menschen dazu an, unvernünftig viel Schokolade zu kaufen und zu konsumieren. Er erzeugt Stress, wenn man die gewünschte Schokolade nicht bekommt, spielt die negativen gesundheitlichen Auswirkungen herunter und überhöht die empfundenen Glücksgefühle. Ja er verknüpft die Identifikation sogar mit der körperlichen Fitness von Profisportlern. All das ist in Ordnung, denn die gesundheitlichen Auswirkungen finden sich in den bereits erwähnten externen Effekten, für die seine Firma nicht verantwortlich gemacht wird. Die Studie „a bit rich“ hat diese externen volkswirtschaftlichen Effekte allerdings für das Berufsbild des Marketing-Direktors untersucht. Das Ergebnis: Für ihr Einkommen von fünfzigtausend bis zu mehreren hunderttausend Pfund zerstören sie elf Pfund für jedes Pfund, das sie als Wert generieren.

Dem Gegenüber stehen Berufe wie ErzieherIn, Krankenhausreinigungskraft oder Müllwerker, die allesamt für jedes Pfund das sie verdienen ein Vielfaches (bis zum Zwölffachen) an volkswirtschaftlichem Wert generieren. So sorgt die Müllabfuhr etwa dafür, dass wir uns nicht Seuchen und hoch ansteckenden Darmkrankheiten, üblem Gestank und dem öffentlichen Gewimmel von Ratten, Mäusen und anderen Krankheitsüberträgern aussetzen müssen. Zudem schließen sie den immer wichtiger werdenden Kreislauf des Recycling, das es ansonsten gar nicht geben könnte. Die Krankenhausreinigung sorgt ebenfalls für eine Hygiene, die sicher stellt, dass hochansteckende Krankheiten in so geringem Maße wie möglich das Hospital verlassen oder in ihm weitergegeben werden. Warum ErzieherInnen so wertvoll sind, muss man im allgemeinen Kanon des Zukunftswertes unserer Kinder nicht mehr weiter ausführen.
Daran festgemacht ist Erfolg im gesunden Wirtschaften der Gewinn, den ein Unternehmen erzielt. Erfolgreich sinnhaft wirtschaften heißt demgegenüber, die externen Effekte mit zu berücksichtigen und auch hier nach dem Bestmöglichen zu streben. So wie es etwa Yvon Chouinard, der Gründer der hochinnovativen Outdoorfirma patagonia vorlebt, die unter anderem PET-Flaschen zu hochwertigen Outdoorjacken recycelt.
Eine derart erfolgreiche Welt wird auch und gerade dann wahrscheinlicher, wenn mehr und mehr Menschen durch die Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Unternehmen materiell von demselben unabhängig werden. Die Abstimmung mit den Füßen bekommt in einer sinnhaften Welt einen wohlig vertrauensbildenden und beruhigenden Klang.

Hören Sie auf, der Vergangenheit nachzurennen

Als Manuel den Raum betrat fiel ihm zuerst der Geruch auf. Er kannte ihn nicht und doch konnte er ihn nur mit unangenehmen Dingen in Verbindung  bringen. Je tiefer er in den Raum hinein ging, umso penetranter drängte er sich durch die Nase über den Rachen in sein Gehirn. „Irgend eine Art Käse oder abgestandenes Frittierfett?“ dachte Manuel.

Es war ein frischer Morgen, an dem er in den Trödelmarkt eintauchte. Ein Stuhl war das Ziel seiner Wünsche, ein leicht angegammelter schlichter Holzstuhl, um das Werk darauf in Szene zu setzen. „Was für ein Werk“ dachte Joseph. „Dekadenz und Vergehen, Wohlstand und Kindesfreuden, Gold und Schmiere und das alles in einem Symbol vereint.“ Er war zufrieden mit sich und dem, was er heute (er)schaffen würde.

Man musste sich durch die Menge drängen, die in einer Mischung aus Faszination, Fassungslosigkeit, Ekel und Neu-Gier vor der Vitrine stand. Manuel war sich unschlüssig, ob er wirklich zur Quelle des Gestankes vorstoßen wollte, der sich bereits als Brausen zwischen seine Ohren gelegt hatte und ihm die Abscheu in Gänsehautwellen über den Körper rollen ließ. Doch weswegen war er sonst hier?

Der Stuhl war schnell gefunden und äußerst günstig erhandelt. Schwieriger war der Transport aus der Menge heraus und nach Hause. Dort angekommen ging Joseph zum alten stilechten amerikanischen Kühlschrank und öffnete die für europäische Verhältnisse viel zu große Tür. Da lag sie vor ihm, die goldgelbe Masse, fest und doch formbar, ein wirklich gutes Objekt für eine Installation. Er umwickelte sie mit Plastikfolie und packte alles in den Bottich voll Eiswasser, der vor dem Kühlschrank bereitstand. Jetzt noch Stuhl und Fett ins Museum und der Tag war perfekt.

Manuel wollte seinen Augen nicht trauen, auf einem alten, abgelebten Stuhl lagen einige Kilogramm Fett. Sie waren zu einem Keil geschnitten, so dass die Schräge von der oberen Stuhllehne bis zur Sitzfläche verlief. Das Fett charakterisierte sich durch eine unruhige Oberfläche mit unzähligen Riefen und Vertiefungen, die irgendwie ineinander liefen. Und es stank. Manuel fragte sich: „An was hat Joseph Beuys nur gelitten, damit ihm etwas derart Krankes als Ausdruck von Kunst abgenommen wurde? Und noch wichtiger, warum hat er es nur umgesetzt?“

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