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Grundlage für Sinnkopplung ist die Freiheit, sie wollen zu können

Wenn ein Unternehmen oder ein Unternehmer sinngekoppelte Mitarbeiter haben möchte, hat er vor allem anderen eine Herausforderung: Er muss den Menschen die Freiheit geben, sich zu koppeln. Stellen Sie sich vor, Sie wären der Chef in einem Discount Supermarkt. Stellen Sie sich jetzt vor, keiner Ihrer Mitarbeiter hätte die materielle Notwendigkeit zu arbeiten. All die Kassiererinnen und Regaleinräumer, die für weniger als tausendfünfhundert Euro Brutto einen Knochenjob machen, müssten das nicht mehr tun. Und auch die Ferienjobber nicht.

Nehmen Sie spaßeshalber an, alle Ihre potentiellen Mitarbeiter sind outgesourced, hätten eine gesicherte Existenz und damit die Freiheit zu entscheiden, wo sie ihre Leistungsfähigkeit einbringen, ganz ohne den Hauch von Prostitution. Gäbe es Sie dann als Supermarktchef überhaupt?

Ich glaube, es müsste Sie trotzdem geben. Schließlich müssen immer noch Nahrungsmittel verteilt werden. Ich glaube auch, dass für die anfallende Arbeit nicht mehr Geld zur Verfügung stände als heute. Wir können nicht einfach mehr bezahlen, weil den Job, unterstellen wir hier einmal, keiner machen möchte.

Jetzt können Sie beweisen, ob Sie das Zeug zum Sinn-Unternehmer haben. Fallen Ihnen Gründe und Rahmenbedingungen ein, zu denen Menschen dennoch bei Ihnen arbeiten würden? Nicht auf Anhieb, na ja, sicherlich fallen Ihnen auch nicht auf Anhieb zehn Wege ein, wie Sie Ihre Mitarbeiter effektiv und zugleich günstig immerfort kontrollieren können oder kosten Überwachungskameras und Detektivbüros kein Geld?

Wir Menschen sind dazu in der Lage, über komplexe Aufgabenstellungen nachzudenken und Lösungen dafür zu finden. Wenn Sie mit sinngekoppelten Menschen zusammen arbeiten möchten, fängt Ihre Veränderungsarbeit dort an, wo die Freiheit dieser Menschen, für Sie zu arbeiten, beschränkt wird.

Textauszug Lasse RednViele Unternehmer nutzen – bewusst oder unbewusst – den Umstand, dass die Mehrheit der Menschen arbeiten gehen muss, um Ihren Lebensstandard zu bezahlen. Nehmen sie in ihrem Denken weiterhin den Sachverhalt billigend in Kauf, dass sich die meisten von uns irgendwie prostituieren müssen, als ob es unvermeidlich wäre, unterstützen sie für die allermeisten von uns Rahmenbedingungen, in denen wir höchstens zu Freistunden von der Hurerei kommen, bevor wir uns wieder auf die Straße stellen. So sehr wir uns das auch schönreden, mit mehrheitlich sinngekoppelter Arbeit hat es nichts zu tun.

Erst wenn Wir anfangen, eine Welt zu denken und zu erzählen, in der alle Menschen wirklich frei sind zu entscheiden, ob und wo sie ihre Leistungsfähigkeit einbringen wollen, sind wir in der Lage, Arbeitsbedingungen zu schaffen, die genau das erreichen. Glauben Sie nicht? Überzeugen Sie sich im nächsten Kapitel davon, wie real diese Idee schon heute ist!

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09 Kein Ring sie zu knechten

Im Film Pretty Woman umschlingt die Prostituierte Vivian lasziv ihren Kunden Edward in der Badewanne und erklärt ihm im romantischen Idyll der New Yorker Penthouse-Suite, dass ihre Beine von den Zehen bis zur Hüfte ein Meter und zehn Zentimeter lang sind. Die Stimmung ist entspannt und doch voll prickelnder Erotik. Mit Champagner und hors-d’œuvre wird veranschaulicht, wie gut es Prostituierten gehen kann.

Wie es wirklich ist, wissen wir nur vom Hörensagen. Ich stelle es mir so vor: Da gibt es Frauen und Männer, denen macht Sex unglaublich viel Spaß. Sie haben so phantasievolle Wünsche und derart viel Bedarf, dass sie ihre Lust gerne mit der Möglichkeit verbinden, ihr Einkommen daraus zu bestreiten. Nehmen wir einmal an, dass sind so vierzehn bis siebzehn Prozent in diesem Gewerbe. Ein erfülltes Leben!

Daneben gibt es eine Gruppe von Menschen, die sind irgendwie in die Sache hinein geraten und arrangieren sich damit, es ist ja auch nicht so, dass jeder Zuhälter per se ein Mistkerl und jede Puffmutter eine Ausbeuterin ist. Zudem hört man ja auch immer wieder, dass es die Freier gibt, die nur reden wollen. Da ist es eben, wie auf der Herbertstrasse, eine grundsolide Arbeit mit unterschiedlichen Fachbereichen, wie Oben-Ohne-Bedienung, Tabledance oder Erotikfilme, man muss ja nicht immer gleich an die Hardcore-Front. Gehen wir davon aus, dass das  der größte Teil der Gruppe mit zweiundfünfzig bis fünfundfünfzig Prozent ist. Ein arrangiertes und nicht zwingend schlechtes Leben!

Bleibt der Rest, Menschen, die sich nicht arrangiert haben und schon gar keine Lust verspüren, diesem Geschäft nachzugehen. Frauen, Männer und Kinder, die gewaltsam gezwungen und erpresst werden, die aus schierer Verzweiflung diesem Gewerbe nachgehen. Die von Zuhältern ausgebeutet und misshandelt werden. Sie leben in ständiger Angst um ihr Leben. Im Beispiel – und ich kann mir gut vorstellen auch in der Welt – bleiben immerhin einunddreißig bis vierunddreißig Prozent der im Sexgewerbe tätigen Menschen übrig, die unter diese Kategorie fallen. Zerstörte Existenzen!

Das passt nicht nur scheinbar zufällig wie die Faust aufs Auge zum DGB-Index Gute Arbeit 2010. Dieser Index „leistet … eine Arbeitsberichterstattung nach Maßgabe der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.“ (DGB Index Gute Arbeit 2009). Die repräsentative Stichprobe ist damit eine äußerst wertvolle Information darüber, wie abhängige Angestellten ihre Arbeit erleben. Bezeichnend ist dort, dass nur fünfzehn Prozent Gute Arbeit haben. Ganze dreiunddreißig von hundert haben Schlechte Arbeit und zweiundfünfzig Prozent empfinden ihre Arbeit als mittelmäßig. Manchen mag es überraschen, doch ausgerechnet der Sinngehalt der Arbeit ist laut dieser Studie der wichtigste Faktor, um Arbeit als gut zu empfinden. Einkommen erhält, neben Karriere, mit weitem Abstand die rote Laterne. Das heißt: Gerade einmal ein starkes Zehntel der Beschäftigten wird per Sinnerfüllung an ihre Arbeit gebunden. Knapp neun von zehn Beschäftigen binden sich demnach aufgrund von Geld oder gesellschaftlichen Zwängen und, um im Bild zu bleiben, prostituieren sich ein wenig bis vollkommen.

Da stellt sich die Frage: Beschäftigen Sie Prostituierte oder sind Sie gar auch ein(e) Prostituierte(r)? Einfach wäre, die Verantwortung an der Beschäftigungsprostitution den Unternehmen zu geben, die es nicht schaffen, sinnvolle Arbeit anzubieten. Zu einfach, denn am Ende entscheiden wir Menschen, wie im achten Kapitel bereits beschrieben, ganz individuell, ob wir sinnkoppeln oder nicht. Will sagen, auch wenn sich Unternehmen anstrengen, Sinn-Angebote an die Stelle von existenzbedrohenden abhängigen Beschäftigungsverhältnissen zu setzen, entsteht daraus nicht zwangsläufig Sinnkopplung.

Und da ist sie wieder, die Crux mit dem freien Willen. Menschen können arbeiten wollen, mehr als zwei drittel von uns tun es nur nicht, wir müssen arbeiten. Damit wir es auch wollen, muss Arbeit unsere Sinnsuche erfüllen, dann koppeln wir an. Schafft sie das nicht, bringt jeder Einzelne genau die Leistung, die er für angemessen hält. Nicht nur, dass das überhaupt nichts mit der Leistungsvorstellung eines Unternehmens zu tun hat, es wird dabei auch kaum jemand sein volles Potential entfalten. Der gesellschaftlich benötigte radikale Wandel und Erfolg, den unser freier Wettbewerb leisten soll, wird so kaum zustande kommen.

Der Vorteil für uns Menschen ist, dass niemand nachweisen und kontrollieren kann, ob wir unser Leistungspotential vollständig ausschöpfen. Das Problem: Für Unternehmen, selbst mit dem verständlichsten Sinnangebot, gibt es keine Garantie für Sinnkopplung.

Wünschenswert ist, aus den heutigen dreizehn Prozent zumindest fünfundzwanzig Prozent, ein Drittel oder gar über vierzig Prozent zu machen. Dazu müssen wir gängige Annahmen über den Haufen werfen und zumindest vor dem geistigen Auge massenhaft, nämlich knapp 90 Prozent, aus ihren abhängigen Arbeitsverhältnissen entlassen. Es ist nicht Aufgabe von Führung, Sinnkopplung herzustellen. Es ist Aufgabe aller Mitarbeiter, aufeinander zu achten, denn ein entkoppelter Kollege fügt dem Unternehmen Schaden zu. Ein Mensch, der sich in seiner Arbeit der Sinnerfüllung entzieht, nimmt billigend in Kauf, dass das Unternehmen schlechter läuft, als es könnte. Damit gefährdet er die Existenz des Unternehmens und in Konsequenz seine Existenz und die seiner Kollegen.

Führung kann ihren Teil beitragen und mit dem Unternehmen nach Sinnkopplung streben. Dennoch sind alle Menschen aufgefordert, erkannte Entkopplung nicht hinzunehmen und stattdessen damit offen, verständig, tolerant und dennoch bestimmt umzugehen. Dafür muss die Organisation raus aus Schuldzuweisung, Anklage sowie Bestrafung und hinein in Dialog, Diskurs, Vereinbarung, Entscheidung und Handlungskonsequenz. Ein entkoppelter Mensch ist de facto bereits frei gesetzt. Ihm dabei zu helfen, die für ihn richtige Arbeitssituation zu finden, ist nicht nur gut für ihn, sondern auch für das eigene Unternehmen und eine optimistische und gesunde Unternehmenskultur.

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