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Von der Empathie hintergangen

Seit einigen Tagen kommen in der Küche Ameisen zu Besuch. Der erste Versuch, die unerwünschten Gäste schnell hinzurichten und zu hoffen, dass sie ihren Weg nicht bis ins Nest weiter erzählt hatten, schlug fehl. Schon nach wenigen Stunden waren wieder mehr als zehn Besucher da. Auch die weiteren Strategien fruchteten nicht, wie etwa das Backpulver-Puderzucker-Gemisch oder die Essig-Honig-Fallen. Nach zehn Tagen gab es noch immer regelmäßigen Besuch von einer schwankenden aber nicht zu verdrängenden Anzahl der Krabbeltiere. So fiel der Entschluss zur biochemischen Keule aus dem Drogeriemarkt: Die Ameisenfalle. Es handelte sich um grüne Plastikgefäße, die man an vier Stellen öffnet. Die Annahme, die Ameisen werden darin gefangen und vergiftet, stellt sich beim Durchlesen der Gebrauchsanweisung als falsch heraus. Die Ameisen werden von einem Geruchsstoff angelockt und nehmen beim Betreten der Falle das Gift auf. Sie tragen es anschließend in ihren Bau und verfüttern es dort an ihre wehrlosen Kinder sowie an die Königin. So wird sichergestellt, dass nicht nur die sichtbaren Ameisen sterben, sondern der gesamte Staat ausgerottet wird. Damit nichts schief geht, bleibt die Falle auch dann noch einen Monat stehen, wenn man längst keine Ameise mehr sieht! Fühlen Sie jetzt mit den armen Ameisen?

Die Worte des Trainers kennt wohl jeder, der schon mal Sport gemacht hat: „Konzentriere dich auf deinen Gegner und antizipiere, was er tun wird, nur so wirst du gewinnen!“ Das gilt für Tischtennis, Tennis, Fußball, Karate, Judo oder jeden beliebigen anderen Sport, in dem man seinen Gegner sehen kann. Ab einem bestimmten Niveau gelingt einem die Vorhersage. Viel schneller als ein klarer Gedanke kommt die gewinnbringende Re-Aktion des eigenen Körpers. Es ist ein klares Gefühl davon, immer zu wissen, was der andere tun wird, bevor er es tut. Bälle gegen die Laufrichtung, ein Schlag mit Links anstatt mit Rechts, ein plötzlicher Stoppball; was auch immer es sein wird, man weiß es bereits, bevor der Gegner seine Handlung beendet hat. Im Sport spricht man dann von den Momenten, in denen man seinen Gegner nach Belieben kontrolliert. Was dazu notwendig ist? Man muss sich in den Kontrahenten hinein versetzen können.

Haben Sie auch einen Geschichtenerzähler in Ihrer Familie? Ihre Frau vielleicht, Ihren Sohn, die Tante oder einer Ihrer Bekannten? Eine Person bei der die Erlebnisse die sie erzählt wie ein Film vor Ihrem inneren Auge ablaufen? Wo die Pointe des Witzes fast immer sitzt? Die weiß, wie sie Sie zum Lachen, zum Nachdenken oder auch zum Weinen bringen kann, mit ihren Geschichten. Die quasi die Klaviatur ihrer Gefühle beherrscht? Kein professioneller Schauspieler, einfach ein Mensch aus ihrem Umfeld. Nicht immer können wir sie leiden, weil es ihnen schwer fällt, eine Geschichte auch mal ganz normal, ohne Ausschmücken, ohne große Gesten und dergleichen zu erzählen, denn das kann dann auch nerven. Dennoch kennen wir sie alle, diese Menschen, die sich mit ihren Geschichten in uns und in ihre Protagonisten hinein versetzen, die Gesten, Stimmen und Situation treffend imitieren, so dass das Original wie aus dem Nichts in unsere Köpfen auftaucht.

Die drei kurzen Beispiele zeigen, wie allgegenwärtig Empathie oder auch Mitgefühl ist. Aus der Wissenschaft wissen wir spätestens seit der Entdeckung der Spiegelneuronen durch Giacomo Rizzolatti, dass es keinen Menschen ohne Empathie gibt.
Bei uns Menschen ist die Vorstellung von Empathie, die Kompetenz des Mitfühlens mehrheitlich positiv belegt. Ist es doch eine, wenn nicht die Grundvoraussetzung oder auch Generalhoffnung, die Selbstzentrierung, den Egoismus überwinden zu können. Schon deklarieren Autoren den unweigerlichen Sieg der friedlichen Gesellschaft und des mitfühlenden Zusammenlebens kraft allgemeiner Empathie. Doch ist es so einfach? Reicht es aus, Empathie zu entwickeln und gegebenenfalls zu professionalisieren? Nein! Fritz Breithaupt zeigt auf, dass Empathie sowohl dazu dienen kann, den anderen besser zu verstehen mit dem Ziel eines fairen, weitgehend kooperativen Zusammenlebens als auch dazu, ihn zu dominieren, zu manipulieren und für die persönlichen Zwecke auszunutzen. Sich jemandem in Selbstaufgabe zu unterwerfen, wie es manche Entführungsopfer tun, kann auch Ziel von Empathie sein: Die komplementäre, nicht weniger eigennützige Form der Dominanz. Wir können mit den Ameisen fühlen, das hat mich nicht daran gehindert, die Fallen aufzustellen und mich über meine jetzt wieder ameisenfreie Küche zu freuen. Den Gegner im Sport besser zu kennen als er sich selbst, macht einen Erfolg auch dann wahrscheinlicher, wenn man von den eigenen sportlichen Möglichkeiten her unterlegen wäre – ist das fair oder unfair? Damit Geschichten, Filme, Theaterstücke emotional wirken, wird fingiert, erfunden, übertrieben und gelogen – allesamt Akte, die kaum in einer zeitgemäßen Liste angestrebter gemeinsamer Werte auftauchen.
Empathie ist sicherlich eine Schlüsselfähigkeit: sie hilft, die Wahrnehmung in Konfliktsituationen zu erweitern und weist den Weg in eine kooperative, humane und lebensbejahende Organisation. Ein Selbstläufer wird dieser Weg allerdings auch und gerade mit und wegen der Empathie nicht werden!

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Menschen funktionieren nicht [2]

Schärfer, als es je ein Geschäftsführer formulieren würde, hat James R. Bright von der Harvard Business School den Wunsch nach Funktion ausgedrückt:

„Abstrakt gesehen sind alles dies nichts anderes als Versuche, die Menschen dazu zu zwingen, an denjenigen Stellen der Fertigungsstraße, wo Maschinen nicht verfügbar oder nicht wirtschaftlich sind, widerspruchsfrei in der gewünschten Weise zu arbeiten. … Das Bestreben geht dahin, zeitlich festgelegte, voraussagbare, konsistente Produktionsarbeit von den Menschen zu erhalten. Doch ein solches Verfahren kann zwangsläufig nicht perfekt sein. Als Glieder oder »Widerstände« in der Supermaschine sind Menschen nicht mechanisch zuverlässig. Weder »reagieren sie widerspruchsfrei in der gewünschten Weise«, noch können sie dazu gezwungen werden.“

Genau hieraus erwächst der Wunsch nach „unternehmerischem Denken und Handeln“ der Mitarbeiter. Die „mechanischen Unzuverlässigkeiten“, die der Mensch von Natur aus hat, sollen also ausgeglichen werden, indem man ihn auf das Unternehmenswohl – meist gleichgesetzt mit dem Unternehmensprofit – einschwört. Nun sind mechanistische „Unzuverlässigkeiten“ nicht einfach nur Widerstände, es sind Intelligenz, Intuition, Empathie, Gestaltungswille, Fähigkeit zur Improvisation usw. Unterdrückt ein Mensch, um zu funktionieren, Hirn und Gefühle – wie soll er den Spagat zum Unternehmertum, zur Selbständigkeit meistern? Geschäfteführern fällt es erstaunlich schwer, diesen Widerspruch zwischen persönlicher Integrität der Mitarbeiter und mechanischem Funktionieren wahrzunehmen.

Wie weit wir dieses Verfunktionieren getrieben haben, macht eine Urlaubsanekdote deutlich. Auf einem Parkplatz an der Costa Brava stellten wir unser Auto ab. Wir brauchten einen Parkschein und so machte ich mich auf den Weg zum entsprechenden Automaten. Bei der Maschine handelte es sich um ein deutsches Fabrikat. Während ich den Parkschein löste, entdeckte ich einen Sprach-Knopf. Meine Neugierde war geweckt, welche Sprachen sich dort wohl finden ließen und so drückte ich ihn. Die Anzeige sprang sofort vom spanischen „Bienvenido“ auf das regional gesprochene katalanische „Benvingut“. Der nächste Drücker brachte das italienische „Benvenuti“ zum Vorschein und dann kam auf Französisch „Bienvenue“. Die Logik war klar und doch wollte ich jetzt wissen, ob es auch eine deutsche Begrüssung gab, also drückte ich erwartungsfroh weiter und nach dem englischen „Welcome“ musste ich schallend lachen, stand da doch „Betriebsbereit“ im Display.

Das Paradox von Funktion und Unternehmertum lässt sich auflösen, erkennt man die Absurdität der Objektivierung menschlicher Arbeit. Unsere Fähigkeiten und Talente sind nicht in quantifizierte, gemessene Funktionen zu packen, zu standardisieren und in Formeln verwertbar, wenn man ein sinnvolles, ein menschliches Ergebnis haben möchte. Wir müssen uns vorurteilsfrei ein neues Bild von Arbeit generell machen. In diesem Bild sollen Menschen nicht mehr aufs Funktionieren reduziert werden. Stattdessen sind sie dazu da, etwas zu unternehmen. Dafür braucht es weniger messende Methoden für geschlossene Systeme. Stattdessen benötigen wir mehr agil adaptive soziale Vorgehensweisen in offenen Systemen. Die Devise kann lauten: Raus aus der taylorschen Funktions-Leichenstarre und hinein in ein menschlich erfüllendes Arbeiten.

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