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Denkdelegierer und Denkregulierer – zieht euch warm an!

Als Andreas zum ersten Mal geschäftlich nach Amerika musste, drangen viele Eindrücke auf ihn ein. Zum Teil war er überrascht, zum Teil besorgt aber auch belustigt. Die amerikanische Einstellung zum Arbeitsverhältnis bescherte ihm sowohl Sorgen wie auch herzhaftes Lachen. So hatte er an einem Nachmittag bei der Kaffeepause ein Besorgnis erregend lustiges Gespräch mit Mike. Mike war vor fünf Jahren von Michigan in den Süden der Vereinigten Staaten nach Alabama gekommen. Sein Beweggrund: Ein um zehntausend Dollar höheres Jahressalär. Unbekümmert erklärte der junge Vater zweier Kinder, der Andreas tags zuvor spontan und höchst gastfreundlich zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen hatte, der andere Job hätte ihm sogar besser gefallen. Auch waren seine sowie die Familie seiner Frau und die gemeinsamen Freunde in Michigan geblieben. Mit Blick auf das lukrative Angebot war all das kaum relevant. Auf Andreas‘ Frage: „Würdest Du, bei nochmals zehntausend mehr, auch nach Kalifornien ziehen?“ Antwortete Mike grinsend: „Natürlich!“

Andreas dachte: „So sieht wohl das Thema Gewinnmaximierung für den kleinen amerikanischen Mann aus.“ Es erinnere ihn an das Buch „Der flexible Mensch“ des amerikanischen Soziologen Richard Sennet, in dem ein junger amerikanischer Ingenieur beschrieben wird, der ob seinen vielen Job- und damit fast immer verbundenen Ortswechseln praktisch allen Kontakt zu seiner Familie, den Freunden und sogar seinen Bekannten verloren hatte. Sein Konto war gut gefüllt, seine emotionalen Sparbücher dahingegen nahezu aufgebraucht.

Andreas wollte nicht tiefer in das Thema einsteigen. Er wollte schwierige Themen umschiffen, schließlich war er nur für wenige Tage hier. Deshalb fragte er Mike stattdessen wie sich die Gehaltserhöhung auf seine Arbeit, deren Inhalte und die neuen Aufgaben ausgewirkt habe? Er war überrascht und musste lachen, als Mike ihm erklärte: „Na gar nicht. Es ist doch nicht meine Aufgabe, mich als Ressource für das Unternehmen zu nutzen. Das ist die Verantwortung des Unternehmens. Auch als whitecollar mache ich, was mir gesagt wird, nicht mehr und nicht weniger. Denken müssen hier andere und die sollten sich anstrengen, denn wenn sie es nicht tun, vergeuden sie ja schließlich mein höheres Einkommen.“ Mike grinste zufrieden und ging zurück zu seinem Bildschirm, um auf Anweisungen zu warten. „So,“ dachte sich Andreas, „das ist dann wohl Rache des kleinen amerikanischen Mannes mit Blick auf die industrielle Ausbeutung.“ Auch wenn es ihn störte, dass hier offensichtlich intelligentes Potential verschwendet wurde – die Ironie, mit der Mike den Spieß herum drehte und sich als kleines unkontrollierbares Individuum den Hochleistungsparolen entzog war durchaus unterhaltsam.

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