Wie wichtig sind Werte?

Liebe Leserinnen und Leser,

gestern hat Stefan Hagen in seinem pm-blog einen Artikel mit dem Titel „Enterprise 2.0 – Es geht um die Werte.“ veröffentlicht. Er stellt darin analog und digital, Enterprise 1.0 und 2.0, Digital Visitors und Natives gegenüber. Mit seinen Ausführungen trifft er einen Nerv, denn seit Gestern gibt es 14 lesenswerte Kommentare!

Ich stelle in den Kommentaren die Frage: Geht es wirklich um Werte oder doch eher um eine Kulturveränderung, auf die man die Werte neu anzuwenden hat?

Im Austausch zwischen Marcus Raitner und Conny Dethloff erweiterte sich das Thema auf die Fragestellung, ob mit Technologien (Enterprise 2.0) neue Werte erzwungen werden können? Ich bin da ganz bei Marcus und sage: Nein! Dennoch ist klar worauf Conny hinweist, dass Werte sich verändern (können) wenn neue Technologien ins Unternehmen kommen.

Mir ist aufgefallen: Es hat vermutlich weniger mit der Technologie als der damit verbundenen Chance für die Gruppe zur erneuten Sinnkopplung zu tun!

Werte und Sinn hängen auf individueller Ebene unauflösbar zusammen. Damit bestimmen unsere Werte bewusst und vor allem unbewusst, ob wir sinnkoppeln, auskoppeln oder entkoppeln. Ähnlich wie beim Sinn ist mir in der Diskussion zum Blogbeitrag von Stefan klar geworden, dass Werte von außen, also von Dritten, nur sehr schwer verändert werden können. Das hat schon was mit gehirnwäscheartiger Resozialisierung zu tun, will man jemandem von außen andere Werte aufzwängen!

Die Konsequenz für die Debatten rund um Werte ist dann, dass wir wohl gut daran täten, erst einmal die Werte der anderen:

  • wahrzunehmen,
  • zu respektieren,
  • zu akzeptieren,
  • zu konfrontieren und
  • zu tolerieren.

Anschaulich werden die damit verbundenen Herausforderungen für mich beim Wert Transparenz. Der 2.0 Welt wird unterstellt, dass dies einer ihrer höchsten Werte ist – ja wenn nicht sogar ein allgemeines Gut. Dabei steht absolute Transparenz im vollkommenen Wiederspruch beispielsweise zu Persönlichkeitsrechten und Privatsphäre. Wie wichtig Transparenz einem Menschen ist und wie er damit im Bezug auf sich umgeht, ist sehr individuell und persönlich. Transparenz in einer Organisation allgemein zu fordern, ist aus der menschlichen Perspektive heraus betrachtet grotesk. Hier zwei Argumente gegen Transparenz als sinnvollen, hohen Wert:

  • Den größte Teil unserer Entscheidungen fällen wir unbewusst und aufgrund unsicherer Daten; also vornehmlich intransparent (hierzu seien Feel it! von Andreas Zeuch und Der Schwarze Schwan von Nicholas Taleb als weiterführende Lektüren empfohlen).
  • Die Datentsunami trägt nicht etwa zu höherer Durchsichtigkeit sondern zum genauen Gegenteil bei. Je mehr man einer Sache nachgeht, umso mehr komplexe und undurchsichtige Aspekte gewinnt sie hinzu.

Bestimmte Ausprägungen von Transparenz können natürlich sinn- und wertvoll sein. Hier verweise ich auf die Kassentransparenz, die ich an verschiedenen Stellen von Affenmärchen fordere. Doch auch bei diesen kommt es auf den Betrachter an. Während Mitarbeiter auf der untersten Hierarchieebene kaum Probleme mit Kassentransparenz haben (inkl. ihrer Einkommen) und sie sogar befürworten, da sie endlich mehr von den wirtschaftlichen Zusammenhängen des Unternehmens verstehen würden, sieht das in den Managementebenen aus guten, für diese Menschen überaus sinnvollen Gründen ganz anders aus.

Mein Fazit an dieser Stelle ist vergleichbar zur Beziehung zwischen Sinn und Sinnkopplung: Jeder Mensch ist ein komplexes Universum seiner Werte, in das man nicht kaum kontrolliert von außen eingreifen kann. Ein/e Wertekapitel im UN-Leitbild, -debatte oder -diskussion ist daraus folgend betriebswirtschaftlich verschwendete und kulturell zumindest zweifelhaft verbrachte Zeit.  Sehr gut eignet sich so etwas natürlich für Ablenkungsmanöver von den Baustellen, an denen man real etwas leisten kann.

Anstatt also Werte übergreifend zu debattieren und zu versuchen, sich über Werte zu einigen, sollten wir unsere Achtsamkeit, Wahrnehmung und Toleranz darauf lenken:

  • an und mit welchen Werten wir unsere und andere ihre Handlungen ausrichten.
  • die von uns geäußerten Werte als Ausgangspunkt für eine kritische Selbsreflexion zu nutzen, indem wir uns hinterfragen, ob wir den Werten, die wir als für uns wertvoll benennen in unserem Tun auch gerecht werden.
  • anderen ihre Werte zu lassen und die daraus entstehenden Konsequenzen für die Beziehung zu prüfen und zu konfrontieren.

Werte sind für uns als Individuum prägend und in unserer Auseinandersetzung mit der Welt wie auch unseren Mitmenschen sinnstiftend. Sie bestimmen einen Gutteil unserer unbewussten Gewichtung von Argumenten in Entscheidungen und damit über Positionen wie „richtig und falsch“, „gut und schlecht“, „moralisch und unmoralisch“ etc. Dennoch bleiben sie bereits in einer einzelnen Person nahezu unfassbar komplex – wie unzählige Geschichten aufzeigen.  Auch können sie sich von einem auf den anderen Moment wandeln, ähnlich wie bei der Sinnkopplung.

Betriebswirtschaftlich kann mich deshalb der Wert an sich kaum interessieren. Spannender wird die Handlung, die ein Mensch im Widerspruch oder im Einklang zu einem offengelegten Wert vollzieht. Damit kann eine Organisation, ein Team, eine zwischenmenschliche Beziehung arbeiten.
Ansatt also gemeinsame Werte zu definieren (ich bin nach wie vor überzeugt, dass hier die Erdenker des Grundgesetzes und Menschenrechtsorganisationen bereits großartige Arbeit geleistet haben) sollten wir uns darin üben, unsere Werte zu äußern und prüfen, ob wir auch  danach leben (können).

Wir wollen denken!
Gebhard

Danke an Conny, Marcus, Stefan und all die anderen Kommentatoren des Blogbeitrags, der mich auf diese Gedanken gebracht hat!

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Affenmärchen in der Praxis, Mentale Modelle

6 Antworten zu “Wie wichtig sind Werte?

  1. halloo
    Ich habe die Blogbeiträge gelesen, ….
    und möchte mal einen Input, meinen „SENF“ dazu geben.

    zu Werten, nun da stellt sich die Frage:
    Was sind Werte?
    Wie werden sie definiert?
    Sind Werte traditionell, kulturell, …, Länder spezifisch, Firmen spezifisch
    Wer macht Werte?
    etc.

    Nun, Fragen über Fragen, Wertschöpfung braucht zu allerst mal Wertschätzung ….
    Da mal die Frage:
    Was ist das, jeder macht es teils bewusst, teils unbewusst, vom Baby bis zum Greis, was ist das?
    Einfache Antwort:
    ATMEN, die Atmung ….

    Nun, schaut man sich den Prozeß der Atmung im Detail an, dann ist das doch eine sehr, sehr, sehr komplexe Angelegenheit, mit einigen Faktoren die nicht vom Mensch bestimmbar sind.

    Was ich damit sagen will, ausdrücken will, wenn es um Werte geht, so sollte man die Sichtweise betrachten, von welchen Werte redet man, ….
    Der menschliche Umgang miteinander, ….
    Jeder hat so seine Wertevorstellung, seine Weltanschauung, ….es ist vergleichbar mit dem „GESCHMACK“, dem kuliniarischen, dem einen schmeckt das, den anderen schmeckt das gar nicht …..
    Werte in Firmen, sind mitunter festgeschrieben, siehe dazu auch „die Hausordnung“, …..

    Man könnte noch mehr dazu schreiben, ganze Bücher, doch es sollte mal einen GEDANKENANSTOSS sein, darüber nachzudenken,
    wie geht es den anderen mit meinen Handlungen, mit meinen Entscheidungen, …, dazu braucht es vor allem Emphatie, das Mitfühlende ….
    Die Vielfalt auf diesem Planeten ist net zum übersehen, und doch eint den Menschen, die Lebewesen auf dem Planeten vieles,
    sie atmen doch dieselbe Luft, trinken Wasser, ….brauchen Schlaf, etc.
    Eigenschaften von Mensch:
    Zwei Beine, zwei Augen, zwei Arme, 2 Hände, …..
    aufrechter Gang …ab ca. 2 Lebensjahr ….

    Naja, Leute, Freunde, ….
    soviel dazu, mal hinterfragt, nachgefragt, …., nachgedacht, ….

    Einstein sagt:
    „So einfach wie möglich, jedoch nicht einfacher.“
    (Anmerkung: da Herrgott sagt es a einfach, 2 Hände, 10 Fingern, 10 Gebote ….)

    LG
    harald matschiner
    peace:maker

  2. Es gibt indigene Völker, die leben absolute Transparenz. Das weiß in einem Clan jede alles vom anderen. So sind sie in der Lage, wenn es Konflikte gibt, diese gemeinsam zu klären. Der Grund: der Clan ist sonst im Ganzen gefährdet.
    Das ist eine Kultur, die wir uns kaum vorstellen können. Wir müssen Intransparenz pflegen, da wir uns einer Konkurrenzgesellschaft verschworen haben. Gesellschaften in Geschenkökonomie haben keine Angst vor Transparenz.
    Zum Thema Werte und Ethik müssen wir wohl wirklich feststellen, dass es keine objektiven Werte gibt sondern nur subjektive. Womit jede Kultur seine eigene Ethik pflegt, siehe:
    Auf meiner Reise der Erkenntnis – was ist schon ethisch?

    • Es gibt indigene Völker, die leben absolute Transparenz. Da weiß in einem Clan jeder alles vom anderen.

      Ich finde diese Aussage zu ultimativ! Nicht einmal ich selbst bin für mich absolut transparent. Nicht einmal ich weiß alles über mich und schon gar nicht über die anderen.
      Diese Transparenz ist derart komplex, dass ich wage zu behaupten: Eine totale Transparenz gibt es nicht ;)!
      Sie zu fordern wäre demnach dumm. Sich damit auseinanderzusetzen rückt Transparenz in einen wichtigen Fokus:

      • Wo hilft es uns auch das transparent zu machen, was unangenehm ist?
      • Was können wir verständlich transparent machen?
      • Wem hilft die hergestellte Transparenz wie/ wozu?

      Es ist wichtiger sich darüber im Klaren zu sein, wozu einem welche Transparenz verhilft als die absolute Transparenz zu fordern, um damit zu scheitern.

      Wir wollen weiter denken!
      Gebhard

  3. Ich kann Gebhard nur Recht geben. Sogenannte „Wertarbeiten“ oder „Unternehmenswerte“ sind nichts anderes als ein Marketingansatz. Aber einer der nicht funktionieren kann.
    In meiner Arbeit mit Geschäftsleitungsebenen führe ich immer wieder eine sehr interessante Auseinandersetzung mit dem Thema „Werte“ durch. Ich stelle den teilnehmenden Personen die Aufgabe, sich einerseits Ihre persönlichen höchsten Werte bewusst zu machen und andererseits nachzudenken, was sie persönlich für sich selbst als „Wertschätzung“ verstehen.
    Danach hat jeder die Möglichkeit kurz über seine Werte zu sprechen und sie anhand von Beispielen persönlich zu erläutern. Erst dadurch werden Worte zu Werten. Danach stelle ich jedem Teilnehmer die Frage nach persönlicher Wertschätzung. Wenn das Ganze vor Mitarbeitern auf einer Bühne stattfindet, lernen die Anwesenden sehr viel über die „Werte“ ihrer Führungsebene und somit automatisch über die Werte des Unternehmens.
    Kritisches nachfragen und möglichst offene Antworten sind natürlich gefragt.

    Christian Blaschka

    • Hallo Christian,

      danke, dass Du uns an Deiner Arbeit derart aktiv teilhaben lässt. Gerne wäre ich einmal bei einer dieser Auseinandersetzungen dabei! Auf jeden Fall merke ich es mir und schaue, wann ich es einmal in meinem Arbeiten umsetzen kann!

      Gruß
      Gebhard

  4. Vollkommene Transparenz ist totalitär.

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