Wenn wir Menschen mehr zählen als die Sachen

Hallo Leserinnen und Leser,

heute wieder ein Erlebnis aus der Kategorie Affenmärchen in der Praxis:

Schon seit Jahren fällt es dem Unternehmen schwer, für eine technisch anspruchsvolle Außendienstaufgabe Mitarbeiter zu finden. Fachlich gibt es für diesen Job keine eigene Ausbildung, so dass sich immer zumindest teilweise fachfremde Mitarbeiter in die Materie einzuarbeiten haben.
Bisher sucht das Unternehmen dennoch verstärkt in 
sich fachlich angrenzenden Lehrberufen seine Mitarbeiter. Denn von diesen erwartet man zumindest einen Teil der benötigten Kompetenz, den man ihnen dann schon nicht mehr beibringen muss. Für keinen dieser Berufe ist das Angebot auch nur den „normalen“ Arbeitsplätzen dieser Berufe ähnlich.

Konsequenz: Das Unternehmen sucht innerhalb der ähnlichen Fachbereiche ganz bestimmte Menschentypen.
Diese „Typen“ (selbständiges Arbeiten beim Kunden vor Ort, Entscheidungswille, Eigenverantwortung für die Projekte beim Kunden etc.) sind in den einbezogenen Berufen und überhaupt in der Arbeitswelt eine Minderheit und somit schwer zu finden. Dann muss natürlich auch noch die Chemie zwischen den Menschen stimmen usw.

Unsere Erkenntnis: Machen wir so weiter bleibt der Fachkräftemangel für dieses Unternehmen ein Schlüsselproblem. 

Die Konsequenzen:

  • In der Suche wird zukünftig maßgeblich darauf geachtet, die richtigen Typen zu finden, bei denen auch die Chemie stimmt.
    Natürlich wehrt sich niemand dagegen, wenn dann auch noch Fachkenntnisse dazukommen, doch sie sollen auf keinen Fall mehr ein ausschlaggebendes Entscheidungskriterium sein – Der Mensch zählt, nicht das Papier. 
  • Die unternehmenseigene Ausbildung stärker gewichten.
    Entscheidend wird sein, den charakterlich passenden, fachfremden Menschen das notwendige Know-how schnell und kompetent beizubringen. Darauf wird im bestehenden Ausbildungsprogramm ein stärkeres Augenmerk gelegt.

Die Erwartungen:

  • Durch ausweiten der Grundmenge finden sich mehr passende Menschen.
    Da man über alle sucht, erhöht sich die Zahl der Menschen, aus denen heraus die „richtigen“ gefunden werden können. Der Anteil der passenden „Typen“ wird sich vermutlich nicht ändern, doch wenn man die passenden 15 Prozent in einer Gruppe von 40.000.000 Menschen sucht, ist es wahrscheinlicher fündig zu werden, als wenn man sie in einer Gruppe von 500.000 sucht.
  • Durch eigene Qualifizierung höhere Mitarbeiterbindung erreichen.
    Die neuen Mitarbeiter erleben sofort eine hohe Wertschätzung, da das Unternehmen direkt ausbildend in sie investiert und ihnen einen Vertrauensvorschuss gibt. So verstärkt sich auch die Bindung der Menschen an ein Unternehmen, dass ihnen von Anfang an entgegen kommt und sie nicht als Funktion behandelt.

Fachkräftemangel ist in aller Munde. Zudem sollte es ein starkes Anrecht auf die Nominierung zum Unwort des Jahres haben. Was bedeutet es schon Fachkraft zu sein. Genau genommen ist das doch nur der Ausdruck dafür, dass jemand in einer Spezialisierung sachlich und inhaltlich (hoch) kompetent ist. Mit dem Wort verbinden sich allerdings auch moralische und anders wertende Aspekte (mehr dazu in diesem Artikel über das Menschenbild), die ihm einen positiven Beigeschmack geben, den der entsprechende Mensch keinesfalls erfüllen muss.
Fachkräfte passen keineswegs automatisch zum Unternehmen, weder charakterlich noch emotional oder kulturell. Wie im bisherigen Vorgehen des Unternehmens in diesem Beispiel, verblendet die Qualität der Papiere häufig unsere Entscheidung für oder gegen eine(n) neue(n) Mitarbeiter(in). Dem liegt ein unausgesprochener Glaubenssatz zugrunde: Wenn es fachlich stimmt, bekommen wir das menschliche schon hin – wir Menschen sind ja flexibel.

Wie ich in Affenmärchen an verschiedenen Stellen beschrieben habe, ist das eine große Falle. Wir alle haben in unserem Leben schon viel und werden noch mehr lernen. Fachliche Qualifikation ist anstrengend und mit emotionalen Schwierigkeiten verbunden:

  • man ist wieder Anfänger
  • bewusste Inkompetenz ist keine pure Freude
  • wenn man etwas neues Beginnt, macht man viele und auch dumme Fehler
  • usw.

Dennoch: Sich fachlich weiter zu bilden ist allemal einfacher, als sich selbst, die eigene Identität, seine gefestigten Glaubenssätze und Gewohnheiten oder auch nur die eigenen Erwartungen an die Umwelt zu verändern.

Fachkräftemangel trifft vor allem und zunehmend die Unternehmen, die nach Funktionen suchen anstatt von Menschen. Natürlich ist die Kommunikation und die Lehre eine Herausforderung, wenn man im firmenspezifischen Fach nicht genug Kraft findet. Dennoch ist diese Herausforderung einfacher und wirtschaftlich günstiger zu meistern als Menschen und ihren Charakter zu verbiegen.

Beste Grüße
Gebhard Borck

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Affenmärchen in der Praxis

2 Antworten zu “Wenn wir Menschen mehr zählen als die Sachen

  1. Dem kann ich aus Erfahrung zustimmen: es war 1991, als ich mir bei meinem ersten Job nach dem Studium einen direkten neuen Vorgestzten aussuchen durfte. Kurz gesagt: die Papiere und die Realität bezogen auf den Job waren nicht in Einklang zu bringen. Also habe ich nicht mehr so sehr auf die Noten der Bewerber geschaut, sondern darauf, was der jeneige für Grundlagen mitbringt und wie er sich so verhält. Dazu habe ich mir eine kleine fachliche Aufgabe ausgedacht, um zu sehen, wie die Antwort und die Herangehensweise an das gestellte Problem ist. Der Mensch, den ich damals also als meinen dierekten Vorgesteztn ausgesucht habe, ist heute, wo ich selbständig bin, mein freier Mitarbeiter und wir verstehen uns nach, wie vor, sehr gut.

    • Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß wir damals schon auf Augehöhe zusammengearbeitet haben. Und ich sehe auch nicht so sehr den Fachkräftemangel (den gibts ja nur bei Fachidioten 😉 ), sondern einen Fachgrundlagenmangel. D.h. es fehlen oftmals die Grundlagen, die helfen, sich schnell in neue Arbeitsbereiche einzuarbeiten.

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